Siegener Zeitung vom 28. Oktober 2013

Faszinierende Kontraste

Hochklassiges Konzert in der Martinikirche 
mit dem Jungen Kammerchor und Johannes Nies

bst Siegen. Der Junge Kammerchor Siegen bot unter der Leitung von Peter Scholl zusammen mit dem Pianisten Johannes Nies in der Siegener Martinikirche ein Programm unter dem Motto „Kontraste – Von Romantik bis Popmusik“.

Bei diesem Kammerchor handelt es sich um einen vom in Siegen geborenen Kirchenmusiker Peter Scholl initiierten und geleiteten Projektchor mit jungen Sängerinnen und Sängern aus der heimischen Region wie auch aus Hessen.

Die Darstellung von Kontrasten bezog sich sowohl auf die Textinhalte als auch auf die musikalischen Stilrichtungen. Die in unseren Breiten lebensbestimmenden Kontraste des natürlichen Entstehens und Vergehens im Wandel der Jahreszeiten erfasste der erste Chorblock: Fallende bunte Herbstblätter als Symbolik für Verlust bei Andrew Carters Arrangement von „Autumn Leaves“, der hochromantische „Spätherbst“ von Johannes Brahms (mit Klavierbegeitung) bis zu Edvard Griegs elegischem „Våren“ (Letzter Frühling) – der Chor brachte den Charakter der jeweiligen Komposition einfühlsam und eindringlich zur Geltung. Der Liebe war der zweite Block gewidmet mit Chorsätzen von Claude Debussy, Grieg und zwei traditionellen Weisen in Arrangements von Carsten Gerlitz. Auch hier finden sich auf Naturereignissen beruhende Bildkontraste, die für Liebesglück und -verlust oder für Freiheit versus Abhängigkeit stehen.

Mit Johannes Nies hatte Peter Scholl einen jungen Pianisten gewinnen können, der schon in jungen Jahren auf renommierte Preise, Stipendien und Rundfunkaufnahmen zurückschauen kann. Passend zu den Chorwerken präsentierte Johannes Nies zwei impressionistisch ambitionierte Werke von Claude Debussy, die von elementarer Liebe zur Natur und deren kontrastreichen Schauspielen erfüllt sind: „Ce qu’a vu le vent d’ouest“ (Was der Westwind gesehen hat) und – inspiriert vom Element des Wassers – „La cathédrale engloutie“ (Die versunkene Kathedrale) – der aufwühlenden Dynamik des Westwindes stand eine quasi über Glockengeläut geführte choralartige Melodik gegenüber. Vom zeitgenössischen ukrainischen Komponisten Nikolai Kapustin, der sich seit den 1950er-Jahren auch als Jazzpianist einen Namen gemacht hat, präsentierte Johannes Nies die „Variations“ op. 41: Ausgehend von einem thematischen Motiv aus Strawinskys „Frühlingsopfer“, vereinigt Kapustin Jazzausdrücke mit formellen klassischen Strukturen – auch hier bewies der Pianist seine „Konzertexamensreife“ beim Zusammentreffen virtuoser Technik mit dynamischer und rhythmischer Finesse beim Herausarbeiten der stilistischen Kontraste.

Gemeinsam beendeten Chor und Pianist das Konzert mit „O schöne Nacht“ von Brahms und „Sure On This Shining Night“ des zeitgenössischen dänischstämmigen US-amerikanischen Komponisten Morton Lauridsen. Noch einmal bewies der Kammerchor sein exzellentes Einfühlungsvermögen bei diesen romantischen bzw. „neuromantischen“ Chorsätzen mit bestechender rhythmischer Perfektion und intonatorischer Makellosigkeit – eine musikalische Leistung auf dem Niveau professioneller Klangkörper. Für den nicht enden wollenden Beifall bedankte sich der Chor mit „Der Mond ist aufgegangen“ im Satz von Max Reger.

Der Junge Kammerchor Siegen unter der Leitung von Peter Scholl und Pianist Johannes Nies gaben ein Konzert unter dem Motto „Kontraste“ in der Martinikirche. Foto: bst