Siegener Zeitung vom 03. Januar 2014

Mitklatschen wie in Wien

Orgel-Neujahrskonzert mit Peter Scholl und Bernhard Kießig

ne Siegen. Gute Vorsätze gehören zum neuen Jahr wie die Tatsache, dass es zumeist bei den guten Vorsätzen bleibt. Manchmal werden sie allerdings sogleich umgesetzt – und wer sich vorgenommen hatte, im Jahr 2014 öfter mal gute Orgelkonzerte zu besuchen, konnte mit dem von Martinigemeinde und Bach-Chor veranstalteten Konzert zu vier Händen und Füßen gleich einen gelungenen Anfang machen. So genoss ein reichliches, erwartungsfrohes Publikum virtuos interpretierte „Neujahrskonzertschlager“ von Johann Strauss Vater und Sohn, weihnachtlich verspielte Neuarrangements amerikanischer Christmas Carols von Ralf Bölting und gar eine komplex für Orgel arrangierte Ballettsuite des „Nussknackers“ von Alexander Därr nach Peter Iljitsch Tschaikowski.

Was die Wiener Symphoniker bei ihren Neujahrskonzerten als erste ihrer beiden traditionellen Zugaben spielen, intonierten die beiden jungen Organisten Peter Scholl (1984 in Siegen geboren) und Bernhard Kießig (Jahrgang 1981) gleich zu Beginn des knapp zweistündigen Programms, den „Radetzkymarsch“ von Johann Strauss Vater (1804–1849): Ostentativ, mit leichter Ironie und frechem Schwung interpretiert, gab der schmissige Marsch die Grundstimmung des Konzertes vor. Dazu trug auch die auf „Kinoorgel“ angelegte perlende Registrierung der Siegener Martiniorgel bei.

Anschließend konnte das Publikum ein wenig mitraten, ob es alle sechs der „Famous Christmas Carols“ heraushören und zu benennen vermochte, die der 1953 im westfälischen Lage geborene Organist und Komponist Ralf Bölting zu einer sechsteiligen Suite arrangiert hatte – und das zeitgenössische Werk gefiel ob seiner frischen Vielfältigkeit. Vor der Pause, in der Mitglieder der Martinigemeinde erfrischenden Sekt und Saft anboten, mit denen dann bei guten Gesprächen vielfach auf das neue Jahr angestoßen wurde, gab es noch den berühmten Walzer „An der schönen blauen Donau“, op. 314, vom Walzerkönig Johann Baptist Strauss (Sohn, 1825–1899), der beim populären Neujahrskonzert der Wiener Symphoniker nie auf den Konzertprogrammen auftaucht, aber traditionell den Reigen der Zugaben abschließt.

Fast weihnachtlich wurde es schließlich mit dem musikalischen Höhepunkt des Siegener Konzertes, denn die in den verschiedenen Programmen angekündigte Ballettsuite des „Nussknackers“ trüffelte Lars Manuel Stötzel, Sohn des Martinikantors und KMD Ulrich Stötzel, mit der Lesung der dem Ballett zugrunde liegenden Märchenerzählung „Nussknacker und Mausekönig“ von E.T.A. Hoffmann.

Nach so viel stimmungsvoller Musik gab’s lang anhaltenden Applaus, der nur beendet werden konnte, indem sich die beiden Musiker noch einmal vor die Manuale setzten und zwei Zugaben spielten, Wiederholungen aus dem schönen Programm, unter anderem erneut den „Radetzkymarsch“ – aber diesmal mit der deutlichen Aufforderung ans Publikum, den Refrain rhythmisch zu unterstützen. Das Publikum klatschte begeistert mit – und so beschwingt könnte das Jahr ruhig weitergehen.

Die vier Hände und Füße der Musiker Peter Scholl (l.) und Bernhard Kießig tanzten ein rundum gelungenes musikalisches Ballett auf den Manualen und Pedalen der Siegener Martiniorgel. Foto: ne