Siegener Zeitung vom 02. April 2014

Virtuoses Examenskonzert

Hiesige Nachwuchskünstler bewiesen ihr exzellentes Können im Hüttenhaus

ne Herdorf. Kaum ein Stuhl blieb leer am Sonntagnachmittag in Herdorfs guter Stube: Das für seinen stilistischen Charme bekannte Hüttenhaus raunte und knisterte vor spannungsreicher Erwartung, sollten doch mit dem inhaltlich anspruchsvollen Konzert zwei junge Talente aus der Region die Examina ihrer Musikstudien ablegen. Für Peter Scholl, 1984 in Siegen geborener Organist, Chorleiter, Pianist und Dirigent, war es „nur“ ein Konzert im Rahmen seines Studienabschlusses, für den Solopianisten des Abends, den ebenfalls 1984 geborenen Herdorfer Johannes Nies, war es das wichtige Abschlusskonzert – und um vieles schwieriger und aufregender, als das gemeinsam am Vortag in Frankfurt gegebene: Das „Heimspiel“ vor Familie, Freunden, Nachbarn und ehemaligen Lehrern ist eben etwas anderes als ein Auftritt vor unbekanntem Publikum.

Zusammen mit der Philharmonie Südwestfalen führten Nies und Scholl, der das Landesorchester zum ersten Male öffentlich dirigierte, zwei virtuose Werke auf, nämlich die Sinfonie Nr. 7 d-Moll op. 70 vom Brahms-Schüler Antonín Dvořák, sowie den beliebten Prüfstein ehrgeiziger Jungmusiker, das zweite Klavierkonzert c-Moll op. 18 von Sergei Rachmaninow. Der Kreis der Kulturfreunde und der Werbering Herdorf ermöglichten das Konzert, und das renommierte Orchester, das sich auch die Förderung junger Talente auf die Fahnen geschrieben hat, sagte gerne diese gemeinsame Arbeit zu.

Neugierig waren die Musikerinnen und Musiker auf das Können des im Studienabschluss zum Dirigenten stehenden Scholl, dessen musikalische Laufbahn bei KMD Ulrich Stötzel an der Orgel begann und über erste Preise bei Wettbewerben, mehrfachen Stipendien, A-Examen und Meisterkursen bis hin zu Lehraufträgen des Bistums Limburg und der Hochschule für Musik in Mainz, ab nächstem Semester auch „seiner“ Hochschule für Musik in Frankfurt reicht. Die Philharmoniker folgten mit großer Spielfreude dem flüssigen, expressiven Dirigat Scholls sowohl beim düsteren Dvořák als auch beim Klavierkonzert „Rach 2“, wie das ebenso komplexe wie eingängige c-Moll-Konzert bei Musikern salopp genannt wird, mit Johannes Nies am kürzlich erst restaurierten kleinen Steinway-Flügel des Hüttenhauses.

Nies, der das Konzert mit Video für seinen Professor aufzeichnete, weil der nicht aus Hannover anreisen konnte, spielte das dreisätzige Virtuosenkonzert mit so viel Emotion, dass das Herdorfer Publikum ganz gebannt lauschte, namentlich im Adagio mitunter völlig gerührt Anteil nahm und abschließend mit lang anhaltendem, stehendem Applaus und Bravo-Rufen die jungen Musiker feierte. „Das ist für uns ein besonderes Erlebnis, hier in Herdorf vor so einem begeisterten Publikum zu spielen“, schwärmten die Musiker Scholl und Nies, noch ganz außer Atem und sichtlich gefordert, im Gespräch mit der SZ nach dem Konzert.

Sie lobten die gute Zusammenarbeit mit den Kollegen der Philharmonie Südwestfalen, freuten sich mit der Familie über das Lob der begeistert gratulierenden Lehrer und Lehrerinnen ihrer ehemaligen Schule – beide haben die gleiche Klasse des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums Neunkirchen besucht – und sparten nicht mit liebenswerten Statements zum Hüttenhaus, das sie seit ihrer Kindheit schätzen: „Das ist schon ein besonderes Konzerthaus, wo noch so viel vom alten Charme trotz Modernisierungen erhalten werden konnte!“ „Der kleine hellbraune Steinway passt zum Haus“, lobte der frisch gebackene Konzertpianist Nies den 1953 erworbenen Flügel, „und dass er letztes Jahr auf Vordermann gebracht wurde, konnte man heute doch ganz gut hören.“

Neben Konzerten in der Region, zuerst aber wieder im Bundesgebiet, werden die beiden sich trotz ihrer Erfolge weiter um Studium und Vervollkommnung ihrer Kunst kümmern, verraten sie mit leuchtenden Augen – und „nebenbei“ weiter selbst unterrichten, Ensembles leiten, Programme und Festivals organisieren und so fort. Versprechen mussten beide, dass sie der Region immer wieder erhalten bleiben. „Ganz bestimmt! Wir sind ja auch noch hier gemeldet, das ist klar!“ Ganz klar eine große Bereicherung für die hiesige Musikkultur – und eine sympathische noch dazu.

Johannes Nies (sitzend) und Peter Scholl gaben im Rahmen ihrer Musikexamina ein Konzert im Herdorfer Hüttenhaus. Foto: ne