Siegener Zeitung vom 18. Februar 2015

Eine Art Winteraustreibung

Siegen. Bach-Orchester unter der Leitung von Peter Scholl in der Martinikirche

Bekannte, stimmungsvolle musikalische Preziosen namhafter Komponisten erklangen.

ne. Eine sinnige und sinnlich musikalische Alternative zu Humtata-Tusch, Kamelle und Kalauer bot am Sonntag das Bach-Orchester, das, wie schon in den vergangenen Jahren, Freundinnen und Freunden der klassischen Musik über die „tollen Tage“ ein adäquates Zuhause bot. Diesmal hatte Ulrich Stötzel, der das Ensemble aus professionellen Berufsmusikern und semiprofessionellen Laieninstrumentalisten vor 35 Jahren gegründet hat, die musikalische Leitung an seinen frisch mit dem A-Examen ausgezeichneten ehemaligen Schüler, den 1984 in Siegen geborenen Peter Scholl, übertragen, der den gut harmonierenden Klangkörper souverän und mit viel Esprit dirigierte.

Sogenannt „leichte“ Kost wurde dem erwartungsfrohen Publikum in Siegens ältester Kirche aufgetischt, also bekannte, stimmungsvolle musikalische Preziosen namhafter Komponisten. Natürlich waren die drei aufgeführten Stücke keineswegs spieltechnische Leichtgewichte, sondern zeichneten sich, namentlich in der Interpretation Scholls, durch festlichen, schwungvollen Elan aus. Das Entree gab Johann Sebastian Bachs drittes „Brandenburgisches Konzert“ G-Dur (BWV 1048) aus der Köthener Zeit des Meisters, in der Besetzung von neun Streichern mit Basso continuo, den Ulrich Stötzel am Cembalo übernahm. Schön flott und taktgenau, mit Betonung der dynamischen Elemente, führte Scholl durch das bekannte dreisätzige Stück: eine fast tänzerische, höfische und fröhliche Musik, die sehr geeignet ist, karnevalistisch-heitere Stimmung zu verströmen.

Mit Rutland Boughtons 1937 in Töne gesetztem Konzert für Flöte und Orchester, das Scholl gemeinsam mit der Flötistin Almut Pieck für das Konzert ausgesucht hatte, spielte sich das Ensemble mit bezaubernd pastoralen Klängen in die Herzen des Publikums. Boughton (1878–1960), Stanford-Schüler, englischer Spätromantiker und Wagner-Epigone, komponierte ein an harmonischen Melodien reiches Stück Musik, in dem er dem Soloflötenpart viel Raum zur Ausarbeitung virtuoser Passagen ließ. Almut Pieck überzeugte als Soloinstrumentalistin vollends, hörte sich gut in den Orchesterklang ein und bezauberte mit feinsinnig-lyrischer Interpretation. Das Allegro erinnerte in seiner springefrohen Klarheit an den süffigen Soundtrack frühester Disneyfilme, das Adagio geriet sonnenaufgangsbeschwingt pastoral, und das abschließende Allegro molto modellierte Scholl mit dem Orchester und der Solistin zu einem fast burlesken Tableau, das an phantasievolle Tim-Burton-Filme denken ließ.

Für den Konzertausgang hatte sich das Bach-Orchester ein so spannungsreiches wie imposantes Stück Musikgeschichte vorgenommen: Wolfgang Amadeus Mozarts vorletzte Sinfonie (Nr. 40, g-Moll KV 550). Die populäre viersätzige Komposition wurde durch die und mit der Interpretation des spielfreudigen, heiter gestimmten Orchesters zu einem schön durchsichtigen, vielschichtigen Klangerlebnis, das für das abschließend euphorisch applaudierende Publikum wohl noch tief in den Frühling hinein leuchten wird. Man kann auch mit niveauvoller Musik den trüben Winter vertreiben, was zu beweisen war.

Almut Pieck glänzte in der Martinikirche Siegen als Solistin in einem
spätromantischen Stück von Rutland Boughton, und Peter Scholl
dirigierte das Bach-Orchester in einem insgesamt eindrucksvollen
Klassikkonzert. Foto: ne