Allgemeine Zeitung Landskrone vom 18. November 2015

Gesang und Orgel erzeugen Gänsehaut

"Accentus Vocalis" begeistert Publikum in Guntersblum

Von Wolfgang Höpp

Guntersblum. Der Chor "Accentus Vocalis" aus Siegen unter der musikalischen Leitung von Peter Scholl hatte aus Anlass des Volkstrauertages in die evangelische Kirche St. Vitus in Guntersblum zur Aufführung des in lateinischer Sprache gehaltenen Requiems nach Maurice Duruflé geladen. Bevor das Konzert beginnen konnte, war es Chor und Dirigent ein Anliegen, sich mit Gemeindegliedern am Rathausplatz zu einer spontanen Mahnwache zu versammeln, um mit dem Lied "Verleih uns Frieden" Solidarität mit den Opfern der Terroranschläge in Paris zu bekunden.

Hohe Musikalität

Der Chor "Accentus Vocalis" - unter dem Namen "Junger Kammerchor Siegen" 2010 gegründet - zeichnet sich durch anerkannt hohe Musikalität und ausgefeilte künstlerische Gesangstechnik aus. Der Leiter des Chores, Peter Scholl, ist Dozent an den Musikhochschulen Mainz und Frankfurt. Mit dem Requiem des französischen, in Parris geborenen Komponisten Maurice Duruflé möchte Peter Scholl "den Menschen Raum zum Trauern und Nachdenken geben und dem Publikum den dem Werk innewohnenden Trost und Zuspruch, gerade jetzt in dieser tragischen Situation in Paris nahe bringen".

Durchdrungen von einer an die Gregorianik angelehnten Motivik hatte Duruflé mit seinem 1947 entstandenen Requiem ein Werk geschaffen, das von extremen dynamischen Kontrasten lebt und gleichzeitig in einem hohen Maß Einfühlsamkeit und Zuwendung spenden will. Der eigentliche gregorianische Choral, als unbegleiteter einstimmiger Gesang, kommt im Werk von Duruflé nicht vor, dafür gibt es immer wieder selbstständige Musik bzw. Orgelbegleitung.

Ausgewählte Orgelwerke von Johannes Brahms, Max Reger und Louis Vierne haben das Requiem harmonisch ergänzt. Überhaupt spielte die Orgel an diesem Abend eine zentrale Rolle. Jorin Sandau, Organist und Regionalkantor von Darmstadt, trug mit seinem virtuosen Spiel an der klangschönen Bechsteinorgel viel zum musikalischen Erfolg bei. Aufmerksam und wach vom ersten Moment an, interpretierte der Chor "Accentus Vocalis" auf professionelle Art dieses anspruchsvolle geistliche Musikwerk aus der Nachkriegszeit.

"Das war ein sehr bewegendes Konzert. Das Zusammenspiel des Chores "Accentus Vocalis" und der Orgel war perfekt. Das war eine prima Gelegenheit, so Glauben auszudrücken. Ein an sich katholisches Musikwerk in einer evangelischen Kirche aufzuführen, war wieder einmal gelebte Ökumene."

Johannes Hoffmann, Pfarrer

Klare Frauenstimmen, kräftige, aber auch einfühlsame Männerstimmen waren zu hören und eindrucksvoll zu erleben. Der Chor überzeugte die Zuhörer mit dem ganzen Reigen seiner außerordentlichen gesanglichen Fähigkeiten, einmal laut, dann wieder leise, einmal erzählerisch, dann wieder inbrünstig. Eindrucksvolles Beispiel war die Präsentation des "Domine Jesu Christe", bei dem der Alt zunächst flehend, ängstlich schreiend darum bittet, die Seelen von dern Strafen der Hölle zu befreien, um die Sünder dann später mit zarter, engelsgleicher Stimme ins Paradies zum Ewigen Licht zu geleiten. Die innige Bitte "Pie Jesu" stand zweifellos auch in dieser Veranstaltung im Zentrum der Komposition Duruflés. Der innige und einfühlsame Gesang der Solistin Johanna Born überzeugte und rührte gleichermaßen das Publikum.

Während des gesamten Abends war zu beobachten, dass von vielen Besuchern das Konzert mit geschlossenen Augen verfolgt wurde. Kein Räuspern war zu hören, kein Knistern zu vernehmen, so wurde das Requiem zum ruhenden Pol der Gefühle.

"Verleih uns Frieden"

Das drückte sich dann zum Schluss in dem minutenlangem Beifall aus, mit dem der Chor, der Chorleiter Peter Scholl und der Organist, Jorin Sandau von den begeisterten Zuhörern bedacht wurde.

Peter Scholl gab sich schließlich sichtlich erleichtert dem vielfältigen Wunsch nach einer Zugabe nach und verabschiedete den Chor mit dem Lied von Mendelssohn "Verleih uns Frieden" vom dankbaren Auditorium.

Der Hausherr der evangelischen Kirche in Guntersblum, Pfarrer Johannes Hoffmann ließ sich von der Begeisterung der Zuhörer anstecken: "Das war ein sehr bewegendes Konzert. Das Zusammenspiel des Chores "Accentus Vocalis" und der Orgel war perfekt. Das war eine prima Gelegenheit, so Glauben auszudrücken. Ein an sich katholisches Musikwerk in einer evangelischen Kirche aufzuführen, war wieder einmal gelebte Ökumene. Auf wiederhören!"

Dem konnte Wolfram Schmidt, ein Besucher aus dem Raum Frankfurt, nur beipflichten: "Mich hat der wunderschöne Raumklang in der evangelischen Kirche Guntersblum fasziniert. Das Konzert hat in mir besonders durch die einzigartige und auch einfühlsame Präsentation des gesamten Requiems zeitweise Gänsehaut ausgelöst. Spannend für mich war auch, moderne Kirchenmusik in einer historischen Kirche aus dem 11. Jahrhundert zu erleben."