Siegener Zeitung - 23. Oktober 2017

Singen und sagen

accentus vocalis beeindruckte mit Luther-Szenen in der Barockkirche

ciu Daaden. "Ein feste Burg ist unser Gott..." Vorwärts drängend, schnell und ein bisschen in der Art des Pfeifens wieder die eigene Angst ist diese einzelne Stimme zu vernehmen. Doch sie bleibt nicht allein. Es kommen Männer und Frauen hinzu, die sowohl Melodie als auch den Inhalt mittragen. Sie treten gemeinsam ein für das Wort Gottes als Richtschnur, an der sich alles andere, was Glaube und Leben ausmacht, messen lassen soll. Und sie stehen auch für das "sola scriptura" und damit letzlich auch für das vierfache "Allein" des reformatorischen Ansatzes. Das ist stark, wie der Kammerchor accentus vocalis unter der Leitung des in Siegen geborenen Kantors Peter Scholl diesen Luther'schen Choral nicht nur hörbar in Szene setzt.

Am Samstagabend machte das junge Ensemble, das sich aus Sängerinnen und Sängern aus der Region und aus dem Frankfurter Raum (wo Scholl als Kantor arbeitet und an den Musikhochschulen Frankfurt und Mainz lehrt) zusammensetzt, auf seiner Konzertreise in der Daadener Barockkirche Station und beeindruckte mit "Davon ich singen und sagen will - Luther in Text und Musik" nachhaltig.

Den Rahmen für dieses Portrait des Reformators bildeten die Luther-Szenen, die der Chor bei Jonathan Granzow (Frankfurt) in Auftrag gegeben hat. Wort-Musik-Schlaglichter auf den Christenmenschen Luther, der etwas zu sagen hatte, etwas zu sagen wagte und solches dann auch sehr bewusst in kräftige, treffende Worte packte. So verschränkt sich etwa in "Psalm 92" das Ringen des Bibelübersetzers um die bestmögliche deutsche Wiedergabe des ursprünglichen Textes mit fugenartigem Gesang, werden zu Sprichwörtern gewordene Sprüche ("Wer andern eine Grube gräbt...") ironisch gebrochen, entsteht aus einem Bänkelgesang ("Ich komm aus fremden Landen her") ein grundernstes Thema, "Aus tiefer Not", das im Fortgang der Geschichte aufgegriffen und mit Auszügen aus der gleichnamigen Motette von Felix Mendelssohn Bartholdy ausgestaltet wird.

Der Mönch, der Reformator, der Dolmetscher, der Ehemann und Vater, der Beter, der Theologe, der Musikant, der erlösungsbedürftige Sünder - diesen Lebenskreis umriss das klug und wirkungsvoll zusammengestellte Programm stimmig. Der Schauspieler Helge Heynold las ausgewählte Texte Luthers (etwas aus den "Tischreden", aus Briefen, aus der Wormser Verteidigungsrede, das "Trostgebet im letzten Stündlein") und das engagiert, aber nicht exaltiert, sondern stets im Dienst des großen Ganzen. Das formte sich aus diesen Lesungen und aus dem Vermögen des Chores, sowohl die zeitgenössischen Werke oder Bearbeitungen (von Granzow, aber auch von Hugo Distler oder Volker Jaekel) als auch die Chorsätze von Johann Sebastian Bach oder Lukas Osiander zu einem Klangerleben werden zu lassen.

Schon mit dem "Kyrie" von Josquin des Préz, das eine Art Grundstimmung vorgab, riss das Ensemble mit seiner jungen, frischen, bewegten und bewegenden Art des Vortrags mit. Peter Scholl, dessen klanglich-interpretatorische Vorstellungen die Sängerinnen und Sänger wohltuend unaufgeregt umsetzten, zeigt mit accentus vocalis, was mit einem Kammerchor im Hier und Heute möglich ist. Das Publikum in Daaden hielt es am Schluss nicht mehr auf den Kirchenbänken und spendete lange und dankbar Applaus. Dem Wunsch nach einer Zugabem von Pfarrer Steffen Sorgatz formuliert, kam der Chor nach - mit Mendelssohns "Verleih uns Frieden gnädiglich". Auch das war: wunderschön!